Warum neue Kleidung chemisch riecht

In Modegeschäften liegt oft ein Duft von Chemie in der Luft. Neue Kleidung verströmt diesen typischen Geruch, der mitunter auch sehr stark und unangenehm sein kann. Schuld daran ist meist eine Vielzahl von Chemikalien, die bei der Herstellung von Textilien verwendet wird. Doch ist ein stechender Geruch automatisch ein Hinweis auf schädliche Stoffe? Auf die Nase ist hier nicht immer Verlass.

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Bei der Herstellung neuer Kleidung stehen mehr als 8.000 Chemikalien zur Auswahl, die zum Einsatz kommen können, bis das fertige Kleidungstück im Geschäft landet. Obwohl viele der verwendeten Substanzen noch während der Produktion herausgewaschen werden, bleibt oft ein spezieller, chemischer Geruch zurück, den man in Geschäften riechen kann. „Den oft typischen Geruch von neuer Kleidung machen eine Vielzahl von Chemikalien aus,“ erklärt Sandra Papes, Ökotoxikologin bei der Umweltberatung in Wien. „Das können zum einen Rückstände von Chemikalien aus dem Herstellungsprozess sein, oder Substanzen, die am Ende aufgebracht werden, um den Textilien bestimmte Eigenschaften zu verleihen.“

Wieviel Chemie braucht neue Kleidung?

Für Eigenschaften wie Farbe, Glanz, Geschmeidigkeit oder Schmutzresistenz, braucht man beim Herstellungsprozess eine ganze Reihe chemische Hilfsmittel. Außerdem werden Textilien zusätzlich mit speziellen Substanzen behandelt, um sie auf dem oft langen Transport vor Schädlingen und Schimmel zu schützen.

Dabei kommen verschiedene Farbstoffe, Weichmacher, Biozide, Silikone und vieles mehr zum Einsatz, die am Ende in oder auf der Kleidung bleiben. Nicht alle verwendeten Mittel sind unbedenklich, wenn sie auf der Haut getragen werden. „Manche Substanzen können ausgasen, das heißt sie kommen in die Luft und werden eingeatmet. Andere Stoffe verbinden sich durch den Schweiß mit der Haut und wirken dann auf die Mikroflora der Haut“, so Papes. Bei Kleinkindern und Babys, die Kleidungsstücke auch in den Mund nehmen, können außerdem leicht löslich Stoffe durch den Speichel aufgenommen werden. Manche der verwendeten Substanzen können, besonders auch bei empfindlichen Menschen, die Haut reizen, Allergien auslösen oder sogar krebserregend sein.

Nase als Prüforgan wenig geeignet

Der Geruch kann oft ein erster Hinweis für den Einsatz von Chemikalien sein, doch über die Schädlichkeit der Substanzen selbst sage dieser noch nichts aus, erklärt die Expertin. „Unsere Nase ist als Prüforgan wenig geeignet.“ Man könne bestimmte Substanzen wahrnehmen andere aber wieder nicht. „Also kein Geruch heißt nicht automatisch, dass keine Schadstoffe enthalten sind.“ Denn manche Substanzen, die bedenklich sein können, würden speziell dafür verwendet, dass Kleidung keinen schlechten Geruch annimmt, und riechen selbst nicht. Trotzdem sollte man extrem stinkende Kleidungstücke oder Schuhe lieber nicht kaufen.

Pullover hängen im Geschäft
ORF.at/Julia Hammerle
Der Geruch alleine verrät oft nichts - Waschen vor dem ersten Tragen ist wichtig

Gütesiegel helfen bei Kaufentscheidung

Um beim Kauf sicher zu sein, sollten Konsumenten im ersten Schritt auf Gütesiegel achten, rät Papes. Es gibt eine Vielzahl von Gütezeichen, die eine ökologisch verträgliche Herstellung bescheinigen oder Produkte ohne Schadstoffe zertifizieren. Dazu zählen unter anderem der „Global Organic Textile Standard“ (GOTS), der die gesamte textile Kette bei Naturfasern kontrolliert. Der „OEKO-TEX-Standard 100“ beispielsweise testet das Endprodukt auf Schadstoffe wie Formaldehyd, Schwermetalle oder Pestizidrückstände und orientiert sich dabei an Grenzwerten, die teils strenger sind als die gesetzlichen Bestimmungen.

Was das Etikett verrät

Gibt es kein Gütesiegel kann auch ein Blick auf das Etikett hilfreich sein. Kleidung die mit „bügelfrei“, „antibakteriell“ „schmutzabweisend“ oder ähnlichen Bezeichnungen angeboten wird, gibt einen ersten Hinweis auf den Einsatz von Chemikalien, wie zum Beispiel Biozide oder Phobiermittel, die nötig sind um diese Eigenschaften zu erreichen.

Nicht alle verwendeten Stoffe sind harmlos und können sowohl die Umwelt als auch die Gesundheit beeinträchtigen. Vorsichtig solle man auch bei Aufdrucken sein, ganz besonders wenn es um Kleidung für Kleinkinder und Babys geht, rät die Expertin der Umweltberatung. „Gerade bei Aufdrucken kommen Polymere, Weichmacher und Kleber zum Einsatz. Beim Tragen können diese auf die Haut gelangen oder bei Kleinkindern über den Speichel aufgenommen werden“. Manchmal helfe auch ein Blick auf die Pflegehinweise. Je mehr Waschsymbole durchgestrichen seien, desto eher solle man vom Kauf absehen, meint Papes.

Waschen vor dem ersten Tragen als oberstes Prinzip

Auf jeden Fall sollte jedes neue Kleidungsstück nach dem Kauf zuerst in die Waschmaschine. „Das Waschen vor dem ersten Tragen ist ganz wichtig, denn es entfernt die Schadstoffe, die nicht fix mit der Faser verbunden sind“, so die Expertin. Diese Stoffe würden sich speziell beim Schwitzen sehr leicht lösen und auf die Haut oder in den Körper gelangen. Textilien die nicht gewaschen werden dürfen, können im Freien ausgelüftet werden.

Prüflabore haben in den vergangenen Jahren bei Tests immer weniger Schadstoffe in Kleidung gefunden. Nicht zuletzt tragen dazu auch Initiativen von NGOs bei, die auf eine nachhaltigere und gesündere Textilproduktion abzielen, und die nach und nach Wirkung zeigen. Trotzdem kann es immer wieder passieren, dass Schadstoffe in Kleidung gefunden werden. Denn eine lückenlose Kontrolle, besonders bei Kleidung, die aus Asien importiert wird, ist oft nicht möglich.

Melanie Stocker, help.ORF.at

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