Mikroplastik: Kleine Teilchen, große Wirkung

Jedes Jahr werden mindestens neun Millionen Tonnen Plastik ins Meer gespült. Ein Drittel davon dürfte laut Weltnaturschutzunion IUCN Mikroplastik sein. Diese teils mikroskopisch kleinen Kunststoffteilchen verursacht der Mensch mit ganz alltäglichen Tätigkeiten. Mikroplastik bedroht aber nicht nur das maritime Leben, sondern könnte langfristig und in Summe auch den Menschen belasten.

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Die kleinen Kunststoffteilchen haben einen Durchmesser von weniger als fünf Millimeter, sind teilweise im Mikrometerbereich und für das menschliche Auge nicht sichtbar. In Verruf geraten sind sie als Zusatz in Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln. Den weitaus größeren Anteil verursachen allerdings Alltagsgegenstände aus Plastik, die beim Zerfall und durch Abbrieb zu Mikroplastik werden, in Flüsse und Meere und letztlich auch in den menschlichen Organismus gelangen können.

Supermarkt, Kosmetika, Frau mit Einkaufswagen
dpa/dpaweb/dpa/Gero Breloer
Plastikverpackungen prägen unseren Alltag

Primäres Mikroplastik ist leicht zu ersetzen

Zum Teil wird Mikroplastik absichtlich hergestellt und etwa in Kosmetikprodukten eingesetzt. Die kleinen Partikel, meist aus Polyethylen, sollen in Duschgels oder Zahnpasten einen Peeling- oder Reinigungseffekt haben. Umweltschutzorganisationen weisen schon länger darauf hin, dass Mikroplastik ein ökologisches Problem darstelle und Gewässer und Meere verunreinige. Ein paar Konzerne der Kosmetikindustrie haben auch erklärt, dass sie auf Mikroplastik verzichten oder den Einsatz reduzieren wollen. Für Greenpeace-Sprecher Lukas Meus ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung. Allerdings würden sich die Zusicherungen der Industrie nur auf feststoffliches Mikroplastik beziehen. Es gäbe aber auch flüssiges und gelartiges Mikroplastik. Eine solche gelartige Substanz ist etwa Acrylates Copolymer, das als Bindemittel oder Filmbildner eingesetzt wird, zum Beispiel in Haargelen. Wenn es ausgewaschen wird, gelangt die Substanz über das Abwasser in den Kanal.

Auf der Inhaltsangabe der Produktetiketten können nur Insider Mikroplastik identifizieren. Greenpeace und andere Umweltschutzorganisationen fordern deshalb eine Kennzeichnung oder gleich ein Verbot. Verbraucher könnten aber auch jetzt schon ganz leicht einen großen Bogen um Mikroplastik machen, so Lukas Meus. Wer zertifizierte Naturkosmetik und ökologische Putzmittel kaufe, könne sichergehen, dass darin kein Mikroplastik enthalten ist.

Plastikmüll in der Donau
ORF.at/Zita Klimek
Plastikmüll in der Donau: Durch Zerfall und Abrieb entsteht Mikroplastik

Das Hauptproblem ist sekundäres Mikroplastik

Der Löwenanteil an Mikroplastik, das die Umwelt verunreinigt, kommt aber nicht vom absichtlich erzeugten Mikroplastik der Kosmetik- und Reinigungsmittelindustrie, sondern von der Fülle an Kunststoffgegenständen, die unseren Alltag bestimmen. Bei ihrem Zerfall oder durch Abrieb während sie noch in Gebrauch sind entsteht sogenanntes sekundäres Mikroplastik. So hat etwa das Umweltbundesamt in einer Untersuchung festgestellt, dass beim Waschen von synthetischer Kleidung wie Funktionswäsche und Outdoor-Mode in der Waschmaschine relativ große Mengen an Mikroplastikfasern ausgewaschen werden und in den Abfluss gelangen.

Der Ökologe Karl Kienzl vom Umweltbundesamt nennt weitere Quellen von sekundärem Mikroplastik: Gartenmöbel aus Kunststoff, Beschichtungen von Elektrogeräten, Schuhsohlen oder der Abrieb von Autoreifen. Durch Regen und Abwaschung würden die kleinen Partikel in den Kanal gelangen. Ein weiterer Verbreitungsweg sei die Windverfrachtung, sagt Kienzl. So würde etwa der Abrieb von auf Baustellen verwendeten Kunststoffteilen, wie etwa Wärmedämmplatten, durch Wind verweht werden, in Gewässer gelangen oder sich als Staub in Ökosystemen ablagern.

Plastikmüll am Strand
dpa, Stefan Sauer

Plastikgemisch bedroht Ökosysteme

Im Gegensatz zum primären enthält das sekundäre Mikroplastik meist Zusatzstoffe wie Weichmacher oder Flammschutzmittel. Die kleinen Plastikteilchen haben aber noch eine andere Nebenwirkung. Sie ziehen Schadstoffe an. Schwermetalle oder Pestizide haften besonders leicht an ihrer Oberfläche. Zusammen ergibt das ein bedrohliches Gemisch, das in die Umwelt gelangt. Da Mikroplastik teilweise in den Kläranlagen abgefangen wird, kann es über den Klärschlamm auch auf die Äcker gelangen. Der Rest landet dann in Flüssen und Meeren. Ganze Ökosysteme könnten kippen, wenn sich immer mehr Kunststoffe unter das Plankton mischen sowie von Würmern, Muscheln und Fischen aufgenommen werden. Auf diesem Weg gelangt das Mikroplastik auch in die Nahrungskette. Plastik in Fischmägen wurde bereits nachgewiesen, auch Entzündungserscheinungen bei Muscheln, hervorgerufen durch Mikroplastik, sind bekannt.

Plastikstaub in der Luft

Noch nicht erforscht ist, ob das Mikroplastik im Fisch über den Teller auch in den menschlichen Organismus gelangt. Ausschließen will es der Umweltmediziner Hans Peter Hutter von der medizinischen Universität Wien allerdings nicht. Die größere Gefahr sieht er in den Zusatzstoffen von sekundärem Plastik. Bei Weichmachern oder Flammschutzmitteln reiche die Bandbreite von hormonähnlichen bis zu neurotoxischen Wirkungen auf den Organismus.

Neben der möglichen Aufnahme von Mikroplastik über die Nahrung gehe der direktere Weg aber über die Atemwege, so Hutter. Die über Wind verfrachteten Mikroplastikteilchen seien so klein, dass sie, ähnlich wie Feinstaub, eingeatmet würden, in die Lungenbläschen und so in den Organismus gelangen würden. Dennoch kein Grund für Panik, so der Umweltmediziner. Aufgenommen würden ja immer nur kleinste Mengen. In Summe und in Kombination mit anderen Umweltgiften könnten sich langfristig aber schon Probleme ergeben.

Plastik reduzieren, recyceln, vermeiden

Die Politik müsse handeln, sagen Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace. Sie fordern etwa ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetika, ein Verbot von Plastiksackerln oder den verpflichtenden Einbau von Spezialfiltern in Waschmaschinen.

Daneben kann jeder einzelne Verbraucher sehr viel bewirken. Es gilt Kunststoffe so oft wie möglich zu vermeiden und durch Produkte aus nachhaltigen Materialien zu ersetzen: aus Glas, Edelstahl, Bioplastik, Karton, Holz oder Recyclingmaterialien. Wer etwa jetzt zu Frühlingsbeginn plant, neue Gartenmöbel zu kaufen, kann solchen aus Holz oder Metall den Vorzug geben. Und auch für Kunststoff-Blumentöpfe gibt es eine Alternative: die guten alten Terrakotta-Tontöpfe.

Obst, Gemüse, Einkaufen, Zero Waste, plastikfrei
APA/dpa/Caroline Seidel
Mit mitgebrachten Netzen Verpackungsmüll einsparen

Neuer Trend: Zero Waste

Ein Vorreiterrolle in Sachen Pastikvermeidung spielen sogenannte Verpackungsfrei-Läden. Dort können Getreide, Nudeln, Hülsenfrüchte oder Nüsse aus Spendersystemen entnommen und ohne Plastikverpackung gekauft werden. Österreichweit gibt es bereits in sieben Bundesländern solche Verpackungsfrei-Läden.

Weitere Tipps zum Plastiksparen liefert die „Zero-Waste“-Bewegung: Seife und festes Haarshampoo sparen Verpackungsmüll, Trinkflaschen aus Glas oder Edelstahl ersetzen PET-Flaschen, Mehrweg-To-Go-Kaffeebecher aus Bambusfasern ersetzen den Einwegbecher mit Plastikbeschichtung, Fleecejacken aus Biobaumwolle jene aus Synthetikfasern. Und schließlich bedeutet weniger Autofahren nicht nur weniger CO2-Emissionen, sondern auch weniger Reifenabrieb.

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