Musikfestivals als Testmarkt für Bargeldloses Zahlen

Schweden will bis 2030 im gesamten Land das Bargeld abschaffen. Die bargeldlose Zahlung ist auch hierzulande im Trend. Bei vielen Großveranstaltungen wie den kommenden Musikfestivals im Sommer ist inzwischen nur noch Kartenzahlung möglich. Das bringt vor allem dem Veranstalter Vorteile.

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Besucher der beiden größten Musikfestivals in Österreich, dem Nova Rock in Nickelsdorf und dem Frequency in St. Pölten, können seit einigen Jahren nur noch mit eigens erhältlichen Plastikkarten bezahlen. Auf dem gesamten Konzertgelände wird kein Bargeld mehr angenommen. Stattdessen kommt das Cashless-System der österreichischen Firma Global Event Technologies (GET) um Einsatz.

Besucher des Festivals Nova Rock
APA/Herbert P. Oczeret
Insgesamt 220.000 Besucher kommen an den vier Festivaltagen zum Nova Rock

Geld online oder vor Ort aufbuchen

Das sorgt bei Verbraucherschützern nicht nur für gute Laune, ist aber grundsätzlich erlaubt. Jeder Veranstalter kann die Zahlungsmodalitäten für sein Event selbst festlegen.

Für die Konzertbesucher bedeutet der Plastikkarten-Zwang erst einmal mehr Aufwand. Wie bei einer Telefonwertkarte muss vor der Verwendung Geld auf die Karte geladen werden. Das geschieht entweder via Onlinebuchung oder an eigenen Ladeständen und -automaten auf dem Konzertgelände. Wie viel der Besucher aufbucht, wählt er selbst.

Kürzere Wartezeiten, aber mehr Warteschlangen

Die Veranstalter bewerben ihre Bargeldlos-Systeme vor allem mit dem Argument, dass Besucher an den Gastronomieständen kürzer warten müssen. Lange Schlangen sollen der Vergangenheit angehören.

Während man am Getränkestand vielleicht schneller dran ist, kommen anderswo allerdings neue Wartezeiten dazu - in den Schlangen an den Ladestationen für die Plastikkarte.

„Es kommt natürlich darauf an, wie viel Ladestationen vorhanden sind. Aber auf alle Fälle steht der Verbraucher beim Laden an und er steht nochmal an, wenn er einkauft und nochmal, wenn er zwischendurch neues Geld aufbuchen möchte“, so Bernd Lausecker, Finanzexperte beim Verein für Konsumenteninformation (VKI) gegenüber help.ORF.at

Angebot dank Echtzeit-Infos laufend optimieren

Der Veranstalter kann über die Software des Kartenzahlungssystems jederzeit ablesen, was an welchen Gastronomieständen wie viel Umsatz macht und so dafür sorgen, dass selbst die beliebtesten Snacks nicht ausgehen. Es ist auch weniger Personal als beim Umgang mit Bargeld nötig, es braucht kein Wechselgeld mehr, es kann nicht mehr falsch herausgegeben werden, und es wird vor allem mehr gekauft.

Wirtschaftspsychologen haben herausgefunden, dass Menschen freimütiger und mehr Geld ausgeben, wenn mit Karte gezahlt wird.

Bargeldloses Bezahlen am Festival Nova Rock
picturedesk.com/APA/Herbert P. Oczeret
Wer, was, wann konsumiert hat, lässt sich jederzeit nachvollziehen

Plastikkarte verführt zum Geldausgeben

„Bargeld hat den Vorteil eines so genannten Trennungsschmerzes. Das heißt, ich muss wirklich etwas hergeben, um etwas anderes zu erhalten“, so Lausecker. „Bei einer Plastikkarte ist das nicht so. Ich gebe die Karte her und bekomme die gleiche Karte wieder zurück. Das Unterbewusstsein denkt dann, ich habe genau so viel wie vorher.“

Schätzungen sprechen von einem Umsatzplus zwischen 15 und 30 Prozent bei Kartenzahlungen. Um den Überblick über ihre Ausgaben nicht zu verlieren, können Konzertbesucher ihre Einkäufe und den Kontostand der Karte jederzeit über eine Website abrufen.

Getränkekonsum online nachvollziehen

Für Finanzexperte Lausecker vom VKI hält sich der Nutzen in Grenzen. Sicher sei es praktisch, seinen Gastro-Konsum nachvollziehen zu können. „Aber sind wir ehrlich, wenn jemand sein fünftes oder siebentes Bier intus hat, wie stark ist das Interesse nachzuschauen, ob er noch ein achtes oder neuntes Bier trinkt. Ich glaube, das ist vor allem eine Spielerei,“ so Lausecker.

Geld am Ende von Wertkarte rückbuchen

Wer sein Geld auf der Wertkarte nicht ganz verbraucht hat, muss sich das Restguthaben zurückbuchen lassen. Das geht entweder vor Ort - ist aber gerade zu Festivalende, wenn alle ihre Karten gleichzeitig zurückgeben wollen, wieder mit Wartezeiten verbunden. Alternativ kann die Karte im Nachhinein online entladen werden. Der Besucher muss dafür aber erst seine persönlichen Daten eingeben.

„Der Veranstalter hat denn meinen Namen, meine Kontodaten, meine E-Mail-Adresse und kann mich dann mit Werbung für das nächste Event nerven,“ so VKI-Experte Lausecker. Hier werden ein unverhältnismäßig großes Entgegenkommen vom Verbraucher dafür verlangt, dass es einfacher für den Veranstalter gehe.

Viele vergessen Rückbuchung

Auch dürfe man nicht vergessen, dass es manchen Besuchern vor allem bei kleinen Restbeträgen zu mühsam sei, das Onlineprozedere für die Rückbuchung zu durchlaufen. Und viele würden wohl schlicht darauf vergessen. „Wo landen denn diese nicht zurückgebuchten Beträge? Ich nehme an, dass das noch ein nettes Körberlgeld für den Veranstalter ist“, so Lausecker.

Wir haben beim Veranstalter von Nova Rock und Frequency nachgefragt. Wie viel Restgeld im vergangenen Jahr auf den Karten zurückblieb, wollte man gegenüber help.ORF.at aber nicht sagen.

Beate Macura, help.ORF.at

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