Maissirup: Die Angst vor dem bösen Zucker

Mit der Freigabe des Zuckermarktes in der EU mehren sich Befürchtungen, dass künftig noch mehr süße Produkte verkauft werden. Die Hersteller können nun Rübenzucker durch billigeren Maissirup ersetzen. Manche Experten warnen, dass dieser als „Isoglukose“ verkaufte Maissirup gesundheitsschädlich sei, andere sehen die Aufregung darüber Lobbyinteressen geschuldet.

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Der seit 1.Oktober offene Zuckermarkt in der EU bereitet Konsumentenschützern Sorgen. Bisher waren Produktion und Verkauf von Zucker genau geregelt und der Anteil von billigerem Maissirup auf fünf Prozent des Zuckerverbrauchs beschränkt. Alle Mengenbegrenzungen sind nun weggefallen.

Getränke, Müsli und Bonbons mit Isoglukose

Maissirup wird vor allem in den USA verwendet, um Getränke, Süßigkeiten, Backwaren, Frühstücksflocken und Milchprodukte zu süßen. Der Sirup lässt sich auch aus Weizen herstellen. Zunächst sind diese Glukosesirupe weniger süß als Haushaltszucker. Man müsste also mehr Sirup und damit noch mehr Kalorien zusetzen. Durch einen technischen Prozess kann daraus aber Isoglukose gewonnen werden, die genau so süß schmeckt wie Haushaltszucker.

Produkte, die Isoglukose enthalten
Karin Fischer/help.ORF.at
Isoglukose findet sich bereits in einigen Produkten

„Für Konsumenten heißt das, dass möglicherweise jetzt vermehrt Isoglukose in Produkten eingesetzt wird“, so Katrin Mittl, Ernährungswissenschaftlerin beim Verein für Konsumenteninformation (VKI). Ob ein Produkt Isoglukose enthält ist an der Zutatenliste erkennbar. Die gängigen Bezeichnungen dafür lauten „Glukose-Fruktose-Sirup“ und „Fruktose-Glukose-Sirup“, je nachdem von welcher chemischen Verbindung mehr verwendet wird.

Maissirup so ungesund wie Zucker

Die Fruktose, die im Sirup steckt, sorgt schon seit längerem für Debatten. Fruktose (Fruchtzucker) wird mehr als andere Zuckerarten für Übergewicht, Diabetes und Erkrankungen wie die Fettleber verantwortlich gemacht. Dazu gibt es auch Studien. Doch die Datenlage sei dünn, so Matthias Schreiner, Chemiker am Institut für Lebensmittelwissenschaften der Universität für Bodenkultur (BOKU).

„Diese Studien sind umstritten, weil sie immer nur Fruktose und Glukose vergleichen, aber nie die Saccharose, die unser gewohnter Haushaltszucker ist und der besteht ja auch zur Hälfte aus Fruktose“, so Schreiner. Gerade Studien zum Thema Zucker seien davon abhängig, wer sie erstellt hat. „Diese Sirupe sind nicht gesund, aber Haushaltszucker ist auch nicht gesund. Tatsache ist, dass wir zu viel Zucker essen und uns zu wenig bewegen.“ Das sei das eigentliche Problem.

Wirtschaftliche Interessen im Hintergrund

Als Wissenschaftler halte er sich an die Bewertungen der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA und des deutschen Bundesamtes für Risikobewertung (BfR), die die vorliegenden Studien überprüft haben. Sie hätten keine Bedenken gegen die Verwendung von Isoglukose, so der Lebensmittelchemiker.

Ein Berg von Zuckerrüben
dpa/A3512 Roland Weihrauch
Die Zuckerindustrie muss mit Weltmarktpreisen mithalten

„Es gibt keinen Hinweis, dass Isoglukose schlechter wäre als die bei uns übliche Saccharose“, aber in Wahrheit lägen da wirtschaftliche Interessen dahinter. Die Zuckerindustrie will ihre Produkte verkaufen und muss mit Weltmarktpreisen mithalten. So ist der österreichische Nahrungsmittelkonzern Agrana zu 50 Prozent an der ungarischen Maisstärke- und Isoglukosefabrik Hungrana beteiligt, dem größten Isoglukoseproduzenten Europas. Die Lebensmittelhersteller wiederum wollen möglichst günstig produzieren.

Hinter welchen Begriffen sich Zucker tarnt

Wer Zucker überhaupt vermeiden will, braucht beim Einkaufen viel Zeit und wahrscheinlich eine Lupe. Die Angaben über die Zutaten auf der Verpackung sind meist winzig klein und nicht so einfach zu entschlüsseln, so VKI-Expertin Mittl. Zucker existiert unter vielen verschiedenen Begriffen, Das mache es für Konsumenten nicht einfach. „Ob Glukose, Fruktose, Saccharose, Dextrose, Milchzucker, Laktose - das alles ist Zucker“, so Mittl. Mehr als 70 verschiedene Bezeichnungen gibt es für Zucker.

Steht Zucker auf der Zutatenliste eines Produktes an erster Stelle, ist davon auch am meisten drinnen. Viele Hersteller geben dabei die unterschiedlichen Zuckerarten einzeln an, wodurch der Eindruck entstehen könnte, das Produkte enthalte weniger Zucker. Tatsächlich werde da viel getrickst, auch bei Bioprodukten, so die Ernährungsexpertin des VKI. Erst wenn man alle Zuckerarten zusammenrechnet, kommt man auf den tatsächlichen Gehalt.

Sechs Teelöffel Zucker am Tag genug

Angaben über den Zuckergehalt enthält auch die Nährwerttabelle auf der Verpackung. Dort steht, wieviel Kohlenhydrate 100 Gramm oder 100 Milliliter enthalten und wieviel davon Zucker ist. Ein kurzer Rundgang in Supermärkten zeigt: Isoglukose findet sich bereits in diversen Süßigkeiten, in Müslis, Müsliriegeln und Energy Drinks.

Zucker in Würfelform
APA/dpa/Rolf Vennenbernd
Zu viel Zucker, zu wenig Bewegung

Bei Fertigprodukten ist es sogar für Experten nicht einfach, herauszufinden, was alles enthalten ist. „Der einfachste Rat ist, die Grundzutaten zu kaufen und selbst zu kochen“, so Lebensmittelchemiker Schreiner. Damit lässt sich genau steuern, wieviel Zucker ins Essen kommt. Die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, empfiehlt nicht mehr als 50 Gramm Zucker pro Tag. Das entspricht zwölf Teelöffeln. Besser sei, es bei sechs Teelöffeln zu belassen.

Karin Fischer, help.ORF.at

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