Konsumkredite: Wenn kleine Raten große Sorgen machen

Teilzahlungsmodelle locken an allen Ecken. Etwa wenn man sich zur Fußball-WM den lang ersehnten Großbildfernseher auf Raten gönnt. Doch so verführerisch diese Angebote auch sein mögen, schon so manche Schuldnerkarriere hat mit einem solchen scheinbar überschaubaren Konsumkredit begonnen. Auch geringe monatliche Raten können zu Schulden führen, die man ein Leben lang nicht mehr los wird.

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Einem Bericht der Tageszeitung „Kurier“ zufolge sind die Schulden eines Kärntners innerhalb von 13 Jahren von 6.900 Euro auf satte 272.000 Euro angewachsen. Das ist das 39-fache der ursprünglichen Summe. Was zunächst unglaublich klingt, kann in der Praxis durchaus passieren, sagt der Geschäftsführer der Schuldnerberatung Wien, Christian Neumayer. Grund dafür seien Zinsen und Zinseszinsen. Zinseszinsen entstehen deswegen, weil auch Zinsen in regelmäßigen Abständen verzinst werden. Dies führe längerfristig zu einer Spirale nach oben und sei die Grundvoraussetzung, dass derart hohe Beträge entstehen können, so Neumayer.

Schuldnerberatung fordert Zinsenbremse

Von dem Phänomen, dass ein Kredit von knapp 7.000 Euro nach 13 Jahren zu einer Gesamtverschuldung von über einer Viertelmillion Euro führen könne, profitieren in erster Linie die Gläubiger, so Neumayer. Im konkreten Fall, den der „Kurier“ beschrieben hat, habe es sich um eine Bank gehandelt. Rechtlich gesehen sei dieses Vorgehen einwandfrei und vom Gesetzgeber gedeckt.

Die österreichischen Schuldnerberatungen möchten nun erreichen, dass anfallende Zinsen die Schuldenlast im schlimmsten Fall verdoppeln können. Die Gläubiger kämen auf diese Weise immer noch zu ihrem Geld, und die betroffenen Schuldner hätten dennoch eine realistische Möglichkeit, der Schuldenfalle wieder zu entkommen. Dass die Gläubiger in dem vorhin beschriebenen Fall jemals den vollständigen Betrag, der über die Zeit angefallen ist, erhalten, sei ohnehin unrealistisch, so Neumayer.

Frau mit Schulden
APA/BARBARA GINDL
Auch geringe Schulden können rasch über den Kopf wachsen

Kostenfalle Konsumkredit

Nicht wenige Schuldnerkarrieren beginnen mit Konsumkrediten. Der neue, technisch ausgereifte Fernseher, den man sich vielleicht anlässlich einer Fußball-Weltmeisterschaft gönnen möchte, mag mit einem Neupreis von beispielsweise 3.500 Euro nicht gerade günstig sein. Doch durch ein Teilzahlungsmodell mit einer Rate von 190 Euro im Monat wirke das Gerät auch für kleine Börsen erschwinglich. Der Geschäftsführer der Schuldnerberatung Wien rät in solchen Fällen, einen kühlen Kopf zu bewahren, denn die Ernüchterung folge oft prompt: „Wir nennen das dann einen Kater, wenn Konsumentinnen und Konsumenten später draufkommen, dass sie sich eine Rate von 190 Euro pro Monat eigentlich gar nicht leisten können.“

Bevor man sich für ein Stück Unterhaltungselektronik tatsächlich in Schulden stürzt, sollte man eher zu einem günstigeren Modell greifen, sagt Neumayer. Vor dem Kauf habe man die eigene finanzielle Zukunft oft nicht im Blick. Man lasse sich oft ausschließlich von einem momentanen Glücksgefühl leiten.

„Freude am neuen Tablet weicht schnell einem Kater“

Es sei zwar nicht grundsätzlich und in jeder Situation ein Fehler, Schulden zu machen, so der Experte, Studien hätten aber ergeben, dass der erwähnte Kater geringer ausfalle, wenn man geliehenes Geld beispielsweise in eine Reise investiere. Die damit verbundenen Erinnerungen halten meist länger an, während die Freude über das neue TV-Gerät oder das neue Tablet oft rasch verflogen ist.

Bevor man sich auf eine zusätzliche finanzielle Belastung einlässt, sollten Fixkosten ebenso einkalkuliert werden, wie außergewöhnliche Ausgaben, die entstehen können, wenn etwa das Auto streikt, die Kombitherme den Geist aufgibt oder das neue Schuljahr der Kinder vor der Tür steht. Wer nicht sicherstellt, dass die Kreditraten eingepreist sind, für den könne auch die 190 Euro teure Rate des Fernsehers zu einem existenzbedrohenden Problem werden. Die zunächst scheinbar überschaubaren Ratenzahlungen können schrittweise dazu führen, dass man sich letztlich in einer Situation wiederfinde, aus der man keinen Ausweg mehr weiß, so Neumayer.

Manchmal hilft schon eine neue Haushaltsplanung

Wer bemerkt, dass alltägliche Ausgaben, etwa für Miete oder die Energiekosten, aufgrund des Schuldenstands nicht mehr gezahlt werden können, für den sei es auf jeden Fall an der Zeit, die Hilfe einer Schuldnerberatung in Anspruch zu nehmen, rät der Experte. Dort könne man versuchen, Lösungsstrategien zu erarbeiten. Dies müsse nicht zwangsläufig im Privatkonkurs gipfeln, oft könne bereits eine neue Haushaltsplanung dazu führen, dass man die eigene finanzielle Lage wieder in den Griff bekommt. Die Schuldnerberatung biete aber jedenfalls eine professionelle Hilfestellung und gegebenenfalls auch die Möglichkeit, über einen Privatkonkurs wieder aus der verfahrenen Situation herauszukommen, so Neumayer.

Abschöpfungsverfahren als letzter Ausweg

Im Rahmen des Privatkonkurses ist eine Entschuldung auf zwei Arten zu erreichen. Entweder mit Hilfe eines Zahlungsplanes oder durch ein Abschöpfungsverfahren. Verfügt der Schuldner über ausreichende Einkünfte, um die Begleichung zumindest eines Teils der Schulden mit anschließender Restschuldbefreiung zu ermöglichen, spricht man von einem Zahlungsplan. Ein Abschöpfungsverfahren kann dagegen dann beantragt werden, wenn kein pfändbares Einkommen vorhanden ist, oder dieses das Existenzminimum nur geringfügig überschreitet.

Das Abschöpfungsverfahren ist mit erheblichen persönlichen Einschränkungen verbunden. Betroffene müssen fünf Jahre lang vom Existenzminimum leben, eventuell vorhandenes Vermögen aus Erbschaften wird zur Tilgung herangezogen. Demzufolge müssen alle Vermögensverhältnisse bekanntgegeben werden, und auch Wohnungswechsel müssen gemeldet werden.

Die Privatsphäre der Schuldner ist während der Zeit eines Privatkonkurses massiv eingeschränkt. Im Gegenzug ruhen die Zinsen, die Schulden können also wenigstens nicht mehr wachsen. Im November 2017 wurden darüberhinaus Erleichterungen im Gesetz verankert. Vor der Gesetzesnovelle musste im Abschöpfungsverfahren sichergestellt sein, dass mindestens zehn Prozent der Schulden zurückgezahlt werden können. Diese Zehn-Prozent-Klausel ist mittlerweile gefallen. Der Privatkonkurs ist mit Sicherheit keine angenehme Erfahrung, kann aber ein letzter Ausweg sein und eine realistische Chance bieten, wieder schuldenfrei leben zu können.

Paul Urban Blaha, help.ORF.at

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