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Kellner trägt Tablett mit Bierkrügen

Experte zu Glyphosat: "Heimisches Bier sauber"

Mehrere deutsche Biere sind einer aktuellen Untersuchung zufolge mit dem umstrittenen Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat belastet. Beim Test von 14 der beliebtesten Biermarken Deutschlands wurden Spuren des Herbizids gefunden. Das Mittel steht unter Krebsverdacht. Österreichs Biertrinker können hingegen aufatmen.

Gesundheit

Sämtliche Biere im Test waren belastet, wie das Umweltinstitut München berichtet. Die Werte lagen zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm pro Liter und damit im extremsten Fall fast 300-fach über dem gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser von 0,1 Mikrogramm. Einen Grenzwert für Bier gibt es allerdings nicht.

"Österreichisches Bier müsste sauber sein"

Hierzulande könnten Biertrinker aufatmen, sofern nur heimisches Getreide bei der Bierproduktion verwendet wurde. „Eigentlich müsste das österreichische Bier sauber sein“, so Helmut Burtscher, Umwelttechniker von Global 2000, gegenüber help.ORF.at. Denn anders als in Deutschland ist hierzulande der Einsatz von Glyphosat bei Pflanzen, die für Futter und Lebensmittel verwendet werden, nicht erlaubt. Diese strengere Regelung wurde im Rahmen des Verbots von Neonicotinoiden 2013 beschlossen.

Auf Nachfrage von help.ORF.at erklärte der Verband der Brauereien Österreichs, für die Herstellung österreichischen Biers werde zu 90 Prozent Getreide aus Österreich verwendet. Seinen Weg in das Bier findet Glyphosat nämlich durch die Rohstoffe. In vielen Ländern ist es nach wie vor üblich das Getreide noch vor der Ernte direkt am Feld mit Pflanzengift zu behandeln, um eine gleichmäßige Trockenheit (bei Restfeuchte kann es leicht zu Pilzbefall kommen) zu erreichen. Glyphosat leitet dabei eine Art künstlichen Reifeprozess ein. „Das macht auch ein grünes Korn gelb“, so Burtscher.

Weltweit meist eingesetztes Pflanzengift

Das Herbizid ist weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Unkrautvernichtungsmitteln und das am weitesten verbreitete Pflanzengift. Das Mittel des US-Agrarchemie-Konzerns Monsanto ist seit vielen Jahren umstritten. Es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Umweltschützer fordern seit Jahren ein Verbot von Glyphosat.

Die getesteten Biermarken
In sämtlichen Bieren im Test wurden Glyphosat-Rückstände gefunden

"Ein Stoff, der wahrscheinlich krebserregend ist, hat weder im Bier noch in unserem Körper etwas verloren", so Sophia Guttenberger vom Umweltinstitut. Auch eine Expertin des deutschen Umweltbundesamts sagte dazu, da nach wie vor zwischen Experten nicht abschließend geklärt sei, ob Glyphosat Krebs beim Menschen erregen könne, sei eine Belastung des Menschen "nicht wünschenswert".

BfR: Erst ab 1.000 Liter pro Tag bedenklich

Das Umweltinstitut berichtete desweiteren, dass bei Studien mit Studenten in den vergangenen 15 Jahren die Belastung mit Glyphosat im Urin gestiegen ist. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hingegen sieht keine Gefahr für die Gesundheit der Konsumenten. Glyphosatrückstände in Bier seien aus wissenschaftlicher Sicht plausibel und grundsätzlich erwartbar, da Glyphosat ein zugelassener Pflanzenschutzmittelwirkstoff sei.

Selbst die höchsten Werte von rund 30 Mikrogramm pro Liter seien so niedrig, dass die rechnerisch resultierende Aufnahmemenge bei einem Erwachsenen mehr als 1.000-fach niedriger liegen würde als die derzeit als unbedenklich geltenden Aufnahmemengen, so das BfR. "Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1.000 Liter Bier trinken."

In Österreich wird Bier zwar nicht routinemäßig auf Rückstände von Glyphosat untersucht. Nach derzeitigem Stand des Wissens sieht die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) aber ebenfalls kein gesundheitliches Risiko gegeben, wie sie in einer Stellungnahme an help.ORF.at mitteilte.

AB-InBev: "Absurd und völlig haltlos"

Der Brauereiriese Anheuser-Busch InBev (AB-InBev) bezeichnete die Testergebnisse des Münchner Umweltinstituts über Glyphosat in Bier unterdessen als nicht nachvollziehbar und nicht plausibel. Vorwürfe des Instituts über nicht ausreichende Brauereikontrollen der Rohstoffe seien "absurd und völlig haltlos", teilte ein Unternehmenssprecher mit.

Zu AB-InBev gehören die Marken Beck’s und Hasseröder Pils sowie Franziskaner Weißbier. Hasseröder hatte nach Angaben des Umweltinstitutes mit 29,74 Mikrogramm pro Liter den höchsten Glyphosatwert, Beck’s (0,5) und Franziskaner (0,49) rangierten auf den letzten Rängen auf der Liste der untersuchten 14 Biermarken.

Milliardengeschäft Glyphosat

Die Debatte über Glyphosat ist auch deswegen so heftig, weil die massiven wirtschaftlichen Interessen dahinter Emotionen und Misstrauen schüren. Allein in Deutschland wird Glyphosat laut dem Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf rund 40 Prozent aller Ackerflächen gespritzt. Der jährliche weltweite Umsatz wird auf gut fünf Milliarden Euro geschätzt.

Kritik an Verlängerung der Zulassung

Erst gestern war bekannt geworden, dass die EU-Kommission die Zulassung von Glyphosat um 15 Jahre verlängern will. Die jetzige Zulassung in Europa läuft im Sommer aus. Die Pläne stießen bei der Grünen-Fraktion im Europaparlament auf heftige Kritik. Mit der Verlängerung verstoße die EU-Kommission gegen das Vorsorgeprinzip und werfe "alle Bedenken von Wissenschaftlern über Bord", so der agrarpolitische Sprecher Martin Häusling. "Die EU-Kommission hat offenbar nicht die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger im Blick, sondern die Interessen der Agrarindustrie wie die des Herstellers des Pestizids, Monsanto."

Die EU-Kommission stützt sich auf eine Stellungnahme der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), die das Mittel im vergangenen November als wahrscheinlich nicht krebserregend beurteilte. Kritiker warnen dagegen seit Jahren vor möglichen Gesundheitsgefahren durch Glyphosat, beispielsweise Greenpeace. Sogar die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat eine Gefährdung festgestellt. Die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörende Agentur urteilte im März 2015, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen" sei.

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25.02.2016