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Thalia-E-Reader Oyo

Auge um Auge: Oyo gegen Kindle

Der US-Händler Amazon hat bereits die dritte Generation seines E-Book-Systems Kindle vorgestellt. Nun tritt die deutsche Buchhandelskette Thalia mit dem Lesegerät Oyo an und will den deutschsprachigen E-Book-Markt besetzen, bevor Amazon dort groß einsteigen kann. ORF.at hat sich das System angesehen.

E-Book-Reader

Der Oyo ist ein kompaktes Gerät, er misst 124 x 154 x 11 mm und wiegt lediglich 240 Gramm. In der Schachtel befinden sich außer dem E-Reader selbst noch eine Kurzanleitung, ein USB-Kabel und ein kompaktes Netzteil mit USB-Anschluss - letzteres ist löblich, denn bei Amazon muss man für den Netzadapter extra bezahlen. Der Reader lässt sich aber auch über die USB-Schnittstelle eines Computers aufladen. Getestet wurde ein Gerät mit Firmware-Version 1.0 R2150. Der Oyo ist Teil eines Shop-Systems, das von dem Dienstleister Buch.de aufgebaut wurde. Außer bei Thalia wird das Gerät auch bei Bol.de eingesetzt.

Bücherstapel mit Oyo obenauf

Das Gehäuse des unter der Regie von Medion hergestellten Lesegeräts wirkt beim ersten Kontakt billiger als das des Kindle, die Oberfläche der Rückseite des Oyo ist leicht aufgeraut und damit recht rutschsicher. An Hardware-Bedienungselementen weist der Oyo lediglich vier Tasten auf, die an der rechten Gehäuseseite platziert sind: Hauptschalter, "Home"- sowie Vor- und Zurück-Taste.

An Schnittstellen bietet der Thalia-Reader einen Micro-USB-Anschluss, eine 3,5-mm-Kopfhörerbuchse und - anders als die Konkurrenzgeräte von Amazon - einen Einschub für Micro-SD-Karten, mit denen sich der eingebaute Speicher von zwei Gigabyte Kapazität noch erweitern lässt. Der Bildschirm des Oyo hat eine Diagonale von 6" (152 mm).

Er ist wie jener der Kindle-Modelle ein E-Ink-Display, kann Inhalte also nur in Graustufen anzeigen, und der Leser ist auf eine externe Lichtquelle angewiesen. Dafür verbraucht der Schirm auch nur beim "Umblättern" Strom. Anders als das des Kindle ist das Display des Oyo berührungsempfindlich.

Wenn der Nutzer Text eingeben will, etwa bei der Suche nach bestimmten Stichwörtern in einem E-Buch, muss er dafür eine am unteren Rand des Displays eingeblendete Bildschirmtastatur nutzen. Zum Vor- und Zurückblättern reicht es, ganz nach Smartphonemanier kurz mit dem Finger nach links oder nach rechts über den Touchscreen zu wischen. Das ist praktisch, weil der Oyo im Gegensatz zum Kindle 3 nur auf der rechten Seite Vor- und Zurück-Tasten hat.

Schnittstellen des Oyo
Schnittstellen des Oyo (v. l. n. r): Micro-SD, 3,5-mm-Kopfhörerbuchse, Micro-USB-Anschluss

Thalia bietet den Oyo für 139 Euro an. Damit liegt der Preis für das Gerät zwischen den beiden kleineren Kindle-Modellen der dritten Generation, die, Versand inklusive, derzeit umgerechnet rund 125 beziehungsweise 173 Euro kosten. Die teurere Version des Kindle 3 kann sich nicht nur über WLAN mit dem E-Book-Shop des Anbieters verbinden, wie das auch beim Oyo der Fall ist, sondern auch über 3-G-Verbindungen auf Amazon.com und die englischsprachige Wikipedia zugreifen. Noch vor Ende des Jahres will Thalia auch einen Oyo mit 3-G-Verbindung anbieten.

Nach dem ersten Einschalten fordert der Oyo den Nutzer auf, das Gerät mit einem WLAN zu verbinden und sich im Onlinestore von Thalia zu registrieren. Das System will vom Nutzer Namen, Adresse und E-Mail-Account wissen, auch Username und Passwort wollen erdacht sein. Die Eingabe der Daten erfolgt über die Bildschirmtastatur des Oyo, wobei sich bereits einer der größten Nachteile des Geräts gegenüber dem Kindle und anderen aktuellen E-Readern zeigt: Das E-Ink-Display des Oyo reagiert nur sehr langsam auf Eingaben, das "Umblättern" dauert etwa eineinhalb Sekunden und geht damit spürbar langsamer vor sich als beim Kindle der zweiten Generation.

Bildschirmtastatur des Oyo
Die Bildschirmtastatur des Oyo

Dieses träge Verhalten ist besonders bei der Texteingabe via Touchscreen frustrierend. Der Nutzer weiß nach Betätigung eines Elements nicht, ob seine Eingabe erfolgreich gewesen ist, zuweilen wird eine virtuelle Taste dann mehrmals gedrückt, was dazu führt, dass die überflüssigen Zeichen wieder gelöscht werden müssen. Da der Oyo, anders als der Kindle, keine eingebauten Lautsprecher hat, muss beim Druck auf die Bildschirmtastatur auch ein Audiofeedback unterbleiben, das dem Nutzer verdeutlichen könnte, ob seine Eingabe erfolgreich war.

Buch.de, der technische Dienstleister für Thalia, setzt in Sachen Kopierschutz auf das Digitale Rechtemanagement (DRM) von Adobe. Um geschützte E-Books lesen zu können, muss der Nutzer über eine Adobe ID verfügen. Diese wird bei der Anmeldung bei Thalia neu generiert.

Wenn der Nutzer bereits eine Adobe ID hat, kann er sie auf den Oyo übertragen und damit auch geschützte E-Books lesen, die er eventuell vorher gekauft hat. Zur Zahlung akzeptiert der Thalia-Shop gängige Kreditkarten sowie Bankeinzug. Der Oyo-Nutzer kann die Zahlungsart aber auch erst "später festlegen" und den Reader ohne Angabe dieser Daten zur Anzeige freier Inhalte verwenden.

Langwierige Registrierung

Die Anmeldung bei Thalia hat im Test etwa eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Amazon hat das Registrierungsproblem eleganter gelöst: Der Kindle wird bereits bei der Auslieferung mit den Kundendaten versehen, sodass der Nutzer gleich nach Erhalt des Geräts loslegen kann und nur dann etwas an der Registrierung ändern muss, wenn er den Kindle an einen anderen User verschenkt.

Am Ende der Registrierung erscheinen die vom Nutzer zu akzeptierenden Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Thalia bzw. Buch.de. Sie umfassen insgesamt 14 Oyo-"Seiten". Darin heißt es: "Buch.de verschafft dem Kunden an Downloads kein Eigentum" und "Eine Weiterübertragung der Rechte an Dritte ist ausgeschlossen" und "Die Downloads werden mehrmals mit nicht löschbaren digitalen Wasserzeichen individuell markiert, so dass die Ermittlung und Verfolgung des ursprünglichen Käufers im Fall einer missbräuchlichen Nutzung möglich ist". Oder, wie es im Juristendeutsch heißt: "Sobald der Download erfolgt ist, geht die Gefahr auf den Kunden über."

Komplexe AGB

Wie beim Kindle erwirbt der Leser nach üblicher DRM-Logik also nur das Recht, die E-Book-Datei selbst auf einem eigenen Gerät zu lesen. Gegenüber dem Erwerb eines herkömmlichen Buches ist das ein signifikanter Nachteil, denn dieses kann verliehen und weiterverkauft werden.

Weiters behält sich Thalia das Recht vor, das "Zahlungsverhalten der Kunden" durch das Unternehmen Deltavista GmbH in Wien abzufragen und "für ein automatisiertes Scoring" zu nutzen - also zu einer Vorabeinschätzung der Zahlungsfähigkeit. Die Daten der User werden weiters "für Zwecke der Werbung, Markt- oder Meinungsforschung" und zur "bedarfsgerechten Gestaltung der Website www.thalia.de" genutzt.

Wer letzteres nicht will, kann eine Mail an die Adresse datenschutz@thalia.de senden. Ansonsten will Thalia die Nutzerdaten nur an "Partner und Dienstleister" weitergeben, die mit der Bestellabwicklung" und bei der "Versorgung der Kunden mit Informationen" zu tun haben. Ähnliche Passagen finden sich auch in den AGB und in der Datenschutzerklärung von Amazon.

Simple Benutzeroberfläche

Nachdem der Kunde die AGB akzeptiert hat, kann er sich via WLAN mit dem E-Book-Store von Thalia verbinden lassen. Die Benutzeroberfläche des Oyo ist selbsterklärend, sie erinnert an frühe Versuche mit grafischen Benutzeroberflächen im Massenmarkt aus den 1980er Jahren. Der Nutzer kann sich dort die Liste mit den gespeicherten Büchern anzeigen lassen, die vier zuletzt geöffneten Dateien werden in einem eigenen Bereich angezeigt, darunter erscheinen die Verbindung zum Thalia-Shop und die Schaltflächen "Extras" und "Einstellungen".

Unter "Extras" kann der Nutzer den sehr einfach gehaltenen Webbrowser sowie einen Bildbetrachter und einen Audioplayer aufrufen. Aufgrund der langsamen Schaltzeiten des Oyo-Displays empfiehlt sich der Webbrowser nur als Notlösung, wer etwa die Präzision des Touchscreens eines modernen Smartphones gewöhnt ist, wird sich schwer damit tun, Links im Text auf Anhieb zu treffen. Auch das Lesen von PDF-Dateien ist auf dem Oyo eine mühsame Angelegenheit, es funktioniert zwar, aber das Vergrößern und Scrollen der Dokumente geht nur sehr langsam vor sich.

Allerdings sind PDFs auch auf Amazons kleinem Kindle 3 mit seinem wesentlich besseren - weil kontrastreicheren und schnelleren - Display nur schwer zu lesen. Zeitgenossen, die sehr häufig mit PDFs umgehen und für diese ein Lesegerät abseits von PC und Notebook suchen, sollten eher zu einem Tablet-Rechner greifen.

E-Reader Oyo und Kindle
Oyo und Kindle 3

Software und Formate

An weiteren Dateiformaten unterstützt der Oyo noch HTML und TXT - Audiobooks akzeptiert er als MP3-Dateien -, zur Darstellung von E-Books verwendet das System außer PDF bevorzugt das weitverbreitete ePub-Format, das auch Google Books verwendet. Die ePub-Unterstützung hat der Oyo dem Kindle voraus, der sich auf das Mobipocket-Format beziehungsweise dessen DRM-geschützte proprietäre Amazon-Variante verlässt.

Dafür bietet der Kindle vom aktuell gewählten E-Book-Umbruch unabhängige Markierungen im Text, die dem Leser bei der Orientierung helfen, der Oyo zeigt nur die Seitenzahlen an, die aber bei einem Format wie ePub von der gewählten Schriftgröße abhängig sind. Unter den "Erweiterten Einstellungen" findet sich beim Oyo auch ein Menüpunkt zur Aktualisierung der Software. Im Test dauerte diese rund eine halbe Stunde, das Gerät war während dieser Zeit blockiert. Thalia empfiehlt, die Aktualisierung nur mit gut gefülltem Akku zu wagen, damit dem Oyo nicht unterwegs der Saft ausgeht.

Das Herunterladen und Entkomprimieren der neuen Software beanspruchte den Oyo derart, dass die Akkuladung während des Vorgangs von vier auf nur noch zwei Balken in der Anzeige herabsank. Nach Aktualisierung und Systemneustart fragte der Oyo das bereits mehrmals eingegebene WLAN-Passwort erneut ab und präsentiert auch unverständlicherweise das Startmenü nochmals, in dem der Nutzer aufgefordert wird, seine Daten einzugeben oder den Menüpunkt "Ich bin bereits Kunde" auszuwählen.

Entscheidet sich der User für Letzteres, lädt der Reader die bereits mühsam eingegebenen Daten neu. Auch die Nutzungsbestimmungen muss der Kunde dann nochmals neu bestätigen.

Deutschsprachiges Angebot

Der Onlineshop von Thalia präsentiert sich übersichtlich, die aktuellen Buchempfehlungen für die üblichen Bestseller nehmen den größten Teil des Bildschirms ein. Im Test gab es von fünf angebotenen Titeln allerdings nur von einem ein Lesebeispiel, nämlich von "Die Kunst, kein Egoist zu sein" von Richard David Precht. Das Buch kostet 15,99 Euro und ist damit für ein E-Book relativ teuer - bei Amazon USA zahlt man für die meisten aktuellen Titel zwischen zwölf und 14 US-Dollar, also um die zehn Euro.

Während "Fall of Giants" von Ken Follett im englischen Original bei Amazon 13,79 US-Dollar (9,82 Euro) kostet, will Thalia für die deutsche Übersetzung "Sturz der Titanen" 19,99 Euro haben, in der Hardcover-Version kostet das Buch bei Thalia 28,80 Euro.

Die Spannbreite an Preisen im Thalia-Store ist aber recht breit und es gibt auch günstigere Titel wie "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche für 7,49 Euro. Wie viele E-Books Thalia genau im Programm hat, zeigt der Onlineshop nicht an, in der Pressemitteilung zum Oyo war von "mehreren Hunderttausend Buchtiteln" die Rede.

Seitenansicht Oyo und Kindle
Der Oyo ist etwas dicker als der Kindle 3

Achtung, PDF!

Sucht man dort aber nach einem Beispiel wirklich lesenswerter deutschsprachiger Literatur, wie "Onkel J." von Andreas Maier, erschienen bei Suhrkamp, so stellt man fest, dass es dieses zwar für 15,99 Euro zum Download gibt, aber nur als PDF-Datei. Und das Lesen von PDF-Dateien ist auf dem Oyo, wie bereits erwähnt, außerordentlich mühsam, da mit diesem Format kein E-Reader-gerechter Neuumbruch bei Veränderung der Schriftgröße möglich ist und das Lesegerät auch bei der Darstellung der Seiten langsamer ist als bei Verwendung optimierter E-Book-Formate wie ePub.

Bevor man sich den Oyo zulegt, sollte man also nicht nur nachsehen, ob es die Werke der Lieblingsautoren überhaupt als E-Books gibt, sondern auch, ob die bevorzugten Buchdateien im ePub-Format vorliegen. Im Gegensatz zum Amazon-Modell braucht sich der Leser beim Einkauf übrigens nicht auf den Thalia-Store zu beschränken, sondern kann unter Verwendung seiner Adobe ID auch auf andere Shops zugreifen, die Adobes DRM-System Digital Editions einsetzen, beispielsweise Libreka.de.

Zum Download der Bücher von Drittanbietern muss der Nutzer allerdings den Umweg über seinen Computer nehmen, denn die Shopanbindung via WLAN funktioniert nur mit jenem Buch.de-Partnerunternehmen (Thalia, bol), bei dem der User seinen Oyo kaufte.

Amazons Kindle-System hingegen bietet Anwendungen für stationäre Computer, Smartphones und Apples iPad an, mit denen der Leser auch ohne E-Reader auf seine E-Books zugreifen kann. Das Adobe-/Oyo-System bietet dies nicht.

Screenshot der Neukunden-Anmeldung auf dem Oyo

Typografische Probleme

Der Download der 216 Kilobyte kleinen Leseprobe des Precht-Texts ging im Test über WLAN naturgemäß sehr zügig vor sich. Die Buchdateien speichert der Oyo direkt im Root-Verzeichnis, das Gerät meldet sich am Rechner als USB-Massenspeichergerät an, eine weitere Installation von Treibern ist in der Regel nicht nötig, der Nutzer braucht freie E-Book-Dateien und PDF-Files nur ins Root-Verzeichnis des Oyo zu kopieren, das Gerät zeigt sie dann gleich als verfügbar an, nachdem es vom Rechner abgenabelt wurde.

Ist die Leseprobe des Precht-Buchs auf dem Oyo gelandet und vom Nutzer gestartet, wird schnell klar, dass der Hersteller des Readers softwareseitig noch viel nachzubessern hat, und zwar ausgerechnet bei der Bildschirmtypografie. So macht Precht häufig von der Möglichkeit Gebrauch, Fußnoten zu verwenden.

Der Oyo zeigt Fußnotenziffern aber nicht verkleinert an, wie es sich gehören würde, sondern stellt sie einfach in Größe der Fließtextschrift hoch, was wiederum dazu führt, dass sich der Zeilenabstand vergrößert. Stellt der Nutzer die Helvetica als Fließtextschrift ein, formatiert der Oyo kursiv gesetzte Wörter in einer kruden Serifenschrift und stellt diese noch dazu elektronisch schräg - eine Beleidigung für das Auge des Lesers.

Auch was die Akkulaufzeit anbelangt, ist der Oyo dem Kindle weit unterlegen. Dem Thalia-Reader ging im Test nach vier Tagen gelegentlicher Nutzung und einem Softwareupdate bei eingeschaltetem WLAN-Modul schon die Puste aus. Der Oyo-Nutzer sollte unbedingt darauf achten, dass die WLAN-Schnittstelle deaktiviert ist, wenn er sie nicht benötigt.

Fazit

Der Oyo hat interessante Ansätze zu bieten, beispielsweise ist es gut, dass der Reader auch Dateien akzeptiert, die bei der Konkurrenz gekauft wurden - solange diese Adobe Digital Editions verwendet, was etwa bei Amazon nicht der Fall ist. Auch die Möglichkeit zur Speichererweiterung über Micro-SD-Karten und das mitgelieferte USB-Netzgerät gefallen.

Außerdem ist es nicht unwichtig, dass es auch im deutschsprachigen Buchhandel ein E-Book-System mit darauf optimierter Hardware-Komponente gibt, zumal es Amazon immer noch nicht gelungen ist, relevante deutschsprachige Inhalte für den Kindle zu lizenzieren. Dieses eminente Manko im Amazon-Programm stellt aber auch schon die einzige Chance dar, die der Oyo gegen den Kindle haben könnte. Denn ansonsten ist der Kindle dem Medion-Gerät in jeder Hinsicht überlegen, speziell dort, wo es um den wichtigsten Aspekt geht, nämlich um die Schnittstelle zum Benutzer.

Das Display des Kindle 3 ist kontrastreicher und damit wesentlich besser lesbar als das des Oyo, die Bildschirmtypografie und die Menüs des US-Geräts sind mit wesentlich größerer Sorgfalt gestaltet. Auch der Akku des kleinen Kindle hält länger als der des Medion-Geräts. Als Zubehör gibt es für den Kindle auch ein praktisches Cover mit eingebauter Leselampe, für den Oyo gibt es ein solches bisher nicht.

Der Kindle ist in den entscheidenden Details besser durchdacht als der Oyo, der speziell softwareseitig sehr zu wünschen übrig lässt. Es beginnt beim ersten Kontakt, bei der Registrierung, die beim Oyo bereits die Summe seiner Unzulänglichkeiten hervortreten lässt. Den Kindle schaltet der Nutzer einfach nur ein und kann dann sofort lesen, das Gerät steht dem Leser nicht im Weg. Aber: Was nützt der beste Reader, wenn es kaum Titel von deutschsprachigen Verlagen für ihn gibt?

Grundsatzproblem DRM

Bleibt noch das Grundsatzproblem DRM, das sowohl den Oyo als auch den Kindle betrifft. Der digitale Kopierschutz entmündigt den Kunden und degradiert ihn vom Besitzer eines Gegenstands zum Lizenznehmer, ein Zustand, den der österreichische Schriftsteller und Bachmann-Preis-Träger Peter Glaser unlängst als selbstverstärkenden Vorgang der Entwertung und Enteignung bezeichnete, der in eine Art digitalen Kommunismus münden würde.

Auch wenn der Bürger nach dem Erwerb eines herkömmlichen Buchs keine Rechte zu dessen massenhafter Weiterverbreitung hat, so kann er es wenigstens an Freunde verleihen, Ausschnitte daraus kopieren und sein Exemplar weiterverkaufen. Bei der DRM-Mietdatei geht das alles nicht, die soziale Dimension des Buchs wird in einem schwer erträglichen Maß eingeschränkt. Inwieweit und in welchen Anwendungsbereichen dies durch die in der Regel niedrigeren Preise der Dateien gegenüber den gedruckten Büchern kompensiert werden kann, muss jeder Nutzer wohl für sich entscheiden. Denn - DRM hin oder her - die E-Books haben auch Vorteile wie die Durchsuchbarkeit oder die Kompaktheit und Leichtigkeit des Lesegeräts.

Quelle:

Barthes, Roland: Die Körnung der Stimme, Interviews 1962 - 1980; Frankfurt/Main, 2002, Seite 162.

Am besten hat aber wohl der französische Philosoph Roland Barthes die DRM-Situation zusammengefasst, und zwar, wie es sich gehört, avant la lettre. 1971 danach befragt, wie er sich das von seinem Kollegen Jacques Derrida herbeigeschriebene "Ende des Buchs" vorstelle, antwortete er: "[Man kann] eine apokalyptische Vision vom Ende des Buchs entwickeln: das Buch würde nicht verschwinden - weit gefehlt -, sondern es triumphierte in seinen abstoßendsten Formen: es wäre das Buch der Massenkommunikation, das Buch des Konsums, sagen wir, das kapitalistische Buch, in dem Sinne, wie dann eine kapitalistische Gesellschaft marginalen Formen keinerlei Spielraum mehr ließe, wie keine Mogelei mehr möglich wäre."

Günter Hack, ORF.at

10.11.2010