„Digital Detox“: So gelingt die Auszeit vom Handy

Ein neuer Trend greift um sich: „digital Detox“, auf deutsch „digitales Entgiften“. Handynutzer sind nicht mehr ständig online, sondern schalten ihr Gerät bewusst zeitweise aus. Weil das vielen Menschen schwer fällt bieten Ratgeberliteratur, Trainer und Apps Hilfe an, Tourismusbetriebe locken mit internetfreier Erholung. Was „Digital Detox“ bewirkt und wie die Auszeit vom Smartphone gelingt.

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Eine neue Nachricht auf Whatsapp, eine SMS, ein schneller Blick auf Facebook – die Versuchung ist groß, nur einmal kurz zu nachzusehen, was gerade im Internet abläuft. 88 Mal pro Tag greift ein durchschnittlicher Nutzer zu seinem Gerät, checkt E-Mails oder surft einfach darauf los, so eine deutsche Studie.

Erschöpft vom Tempo der Digitalisierung

„Manchen Handynutzern wird es bereits zu viel, ständig online zu sein“, meint Daniela Zimmer, Konsumentenschützerin bei der Arbeiterkammer (AK) Wien. Gerade unter den intensiven Nutzern gebe es immer mehr Personen, die das Handy auch hin und wieder zur Seite legen möchten, „weil sie zunehmend vom rasanten Tempo der Digitalisierung erschöpft sind“. Doch leichter gesagt als getan.

Kräutespirale imm Kloster Pernegg
Andrea Loew
Klöster wie Pernegg werben mit Fasten und Offlineurlauben

Findige Anbieter haben bereits eine neue Zielgruppe ausgemacht und bieten Seminare und Coachings an. Die Teilnehmer sollen lernen, zumindest zeitweise ohne Handy auszukommen. Die Ratgeberliteratur boomt ebenfalls und verspricht mehr „echtes Leben“, „weniger Stress“ und „Schluss mit Handy-Terror und Dauerablenkung“.

„Detox“-Camps, Klostermauern, Auszeit-Apps

Wer eine längere digitale Auszeit möchte, kann sich auch für eine Woche im „Detox“-Camp, im einsamen Kloster, in einer Waldhütte der Österreichischen Bundesforste oder im komfortablen Wellnesshotel von den digitalen Zeitfressern ausklinken. Das kommt auch jenen Tourismusbetrieben entgegen, die bisher wegen schlechter Breitbandanbindung als internetmäßiges Ödland galten. Es gibt sogar eigene Handyapps, die erfassen, wie oft ein Nutzer online war. Sie trennen die Verbindung zu sozialen Netzwerken, wenn es zu viel war.

„Das sind Hilfestellungen, die von kommerziellen Anbietern entwickelt wurden, die aber wissenschaftlich nicht geprüft sind“, so Christiane Eichenberg, Psychotherapeutin an der Sigmund-Freud-Privat-Universität Wien. Sie steht dem Trend aber grundsätzlich positiv gegenüber.

Handyverzicht bringt wertvolle Selbsterfahrung

„Auf das Smartphone zu verzichten bringt auf jeden Fall etwas für die eigene Selbsterfahrung“, so Eichenberg. Beim Versuch eine Woche offline zu sein, könne man sehr viel über sich selbst erfahren. Ob das Handyfasten nachhaltig wirkt, hänge davon ab, wie diese Woche erlebt wurde. Voraussetzung für eine dauerhafte Änderung sei, dass die Person auch eine innere Entscheidung dazu getroffen habe, so die Expertin.

Ein älterer Mann tippt auf sein Smartphone, eine Frau sieht im zu
APA/AFP/Valery Hache
Manche Menschen fühlen sich durch die Hanynutzung des Partners gestört

Am Beginn steht zunächst eine Analyse des Problems: „Welche Handynutzung wird als zu viel empfunden und von wem? Wen stört es - mich, meinen Partner oder den Arbeitgeber?“, so die Psychotherapeutin. Wenn das geklärt sei, könne man für sich selbst neue Regeln aufstellen und alte Rituale und Gewohnheiten ändern.

Tipps zur „digitalen Entgiftung“

Zu den gängigen Tipps in der Ratgeberliteratur gehört, statt dem Handy einen Wecker neben das Bett zu stellen, damit man gar nicht in Versuchung kommt, noch schnell ins Internet zu blicken. Helfen soll auch, weniger Apps zu haben, das Smartphone lautlos zu stellen oder Push-Nachrichten zu deaktivieren, die sonst ständig auf dem Bildschirm erscheinen, sobald jemand etwas gelikt oder geschrieben hat. Es kann aber auch hilfreich sein, sich Zeit mit einer Antwort zu lassen, das Handy beim Essen wegzulegen oder es gänzlich aus dem Schlafzimmer zu verbannen.

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APA/AFP/Glyn KIRK
Das Smartphone als ständiger Begleiter

„Ist jedoch die Grenze zur Onlinesucht bereits überschritten, braucht es professionelle Hilfe“, so Psychotherapeutin Eichenberg. Im Gegensatz zu stoffgebundenen Süchten gehe es hier aber nicht darum, lebenslang auf Internet, Smartphone und Co. zu verzichten. Das Ziel sei zunächst eine Abstinenz, um dann später wieder eine angemessene Internetnutzung zu entwickeln. Ein völliger Ausstieg aus dem Internet wäre gar nicht machbar.

Offline sein als neuer Luxus

Online zu sein hat nach Ansicht von Konsumentenschützerin Zimmer auch Vorteile. Im Internet können Preise verglichen und Angebote wie Carsharing genutzt werden, die es nur dort gibt. „Man muss aber auch sehen, dass der Druck auf Konsumenten enorm zunimmt, ihren Alltag und ihre Verbrauchergeschäfte online zu erledigen“, so die AK-Expertin. Oft seien die Preise im Internet günstiger als im Geschäft. Wer ohne Internet einkaufen oder Bankgeschäfte und Behördenwege erledigen möchte scheitere auch oft an fehlenden Alternativen. „Es gibt schon einen gewissen Lenkungsdruck der Unternehmensseite, Verbraucher zu digitalen Nutzern zu erziehen“, so Zimmer.

Die AK verlangt, dass Unternehmen und Behörden, zusätzlich zu digitalen Angeboten auch leicht zugängliche Alternativen anbieten sollten. Also etwa Rechnungen, Fahrpläne oder Formulare nicht nur digital, sondern auch auf Papier. Den Trend zum Offlinesein muss man sich auch leisten können. Wo andere – auch beruflich – ständig online sein müssen, werde das Abschalten zum wahren Luxus werden, so Konsumentenschützerin Zimmer.

Karin Fischer, help.ORF.at

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