Elektroproduktion in Shenzhen: Aus dem Leben einer Leiterplatte

„Made in China“ steht auf den meisten Elektronikartikeln. Gemeint ist damit oft die Gegend rund um die Stadt Shenzhen, eine 15-Millionen-Einwohner-Metropole in Südchina, direkt an der Grenze zu Hong Kong. Von hier kommen 90 Prozent der Elektronik, die in China produziert wird. Help.ORF.at hat eine Leiterplattenfabrik in Shenzhen besucht.

Wir sind in einem der Außenbezirke Shenzhens, in einem unscheinbaren Gebäude mit beige gekachelten Außenwänden. Alles hier ist schon ein wenig in die Jahre gekommen, aber funktionstüchtig. Gemeinsam mit 30 Technikerinnen und Technikern, Bastlern und Studierenden aus Europa, Asien und Australien besuchen wir eine Leiterplattenfabrik. Die meisten in unserer Gruppe überlegen, irgendwann einmal eine ihrer Erfindungen in Shenzhen fertigen zu lassen. Für sie hat Lily Li eine Tour durch die Produktionsstätten Shenzhens organisiert. Li ist Community Managerin bei xfactory, einem hip auftretenden Unternehmen, das Startups dabei hilft, neue Produkte in Shenzhen zu entwickeln und zu fertigen.

Elektronikfabrik in Shenzhen, China
Alexandra Siebenhofer/help.ORF.at
Das Gebäude, in dem die Leiterplattenfabrik eingemietet ist

Unser erster Stop ist die „Shenzhen Tianju Shiye GmbH“, eine Leiterplattenfabrik im Nordwesten der Stadt. Leiterplatten kennt jeder, der schon einmal ein elektronisches Gerät auseinander genommen hat. Das sind die meist grünen Platten mit kompliziert aussehenden Bahnen und kupferfarbigen Vierecken und Kreisen. Sie sind so etwas wie das Grundgerüst jedes elektronischen Gerätes. Denn die Bahnen aus Kupfer leiten den Strom zwischen den Bauteilen, die später auf die Leiterplatte gelötet werden.

Produktion in einer Elektronikfabrik in Shenzhen, China
Alexandra Siebenhofer/help:ORF.at
Fertige Leiterplatten im Qualitätscheck

Am Anfang sind die Platten allerdings noch nicht grün, sondern orange-rötlich. Angeliefert werden sie als Rohlinge aus Fiberglas mit einer Schicht Kupfer darauf. In einem ersten Schritt werden nach detaillierten Plänen Löcher in die Rohlinge gestanzt. In diese Löcher sollen dann die Bauteile auf die fertigen Leiterplatten gelötet werden, etwa LED-Lämpchen oder Widerstände. Nach dem Stanzen geht es weiter in den zweiten Stock, zum Ätzen. Hier stehen mehrere Reihen eckiger Plastikwannen mit Flüssigkeiten in unterschiedlichen Schattierungen von Blau, Grün und Weiß. Arbeiter mit Gummistiefeln und gelben Gummi-Handschuhen hieven die Platten aus den Flüssigkeiten und schrauben sie zum Trocknen auf Gestelle. Auch eine Maschine gibt es, die die Kupferplatten in einer genau programmierten Reihenfolge in die Flüssigkeiten taucht.

Produktion in einer Elektronikfabrik in Shenzhen, China
Alexandra Siebenhofer/help.ORF.at
Produktion in einer Elektronikfabrik in Shenzhen, China
Alexandra Siebenhofer/help.ORF.at

Hier entstehen die späteren Kupferbahnen der Platte. Sie werden zuerst mit einer Schutzfolie auf die Rohlinge geklebt und in mehreren Arbeitsschritten säurebeständig gemacht. Alles, was nicht unter der Schutzfolie liegt - das ist der Großteil der Platte - wird danach weggeätzt, erklärt Lily Li. Die blubbernden Flüssigkeiten in den Plastikwannen sind teilweise zum Entwickeln der Schutzfolie, teilweise zum Wegätzen des Kupfers.

Produktion in einer Elektronikfabrik in Shenzhen, China
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Platinen während des Fertigungsprozesses. An den gelb abgeklebten Stelle entstehen später die Kupferbahnen der Leiterplatte.

Die grüne Farbe bekommen die Leiterplatten zum Schluss, durch eine Schutzlackierung. Ein Qualitätscheck schließt die Produktion ab. Allerdings entsteht vor allem beim Wegätzen des Kupfers giftiges, weil mit Kupfer versetztes Abwasser, das als Sondermüll entsorgt werden muss. Die Umweltbestimmungen in Shenzhen seien sehr streng, erklärt uns einer der Manager, Herr Jun Li. Die Fabrik habe eigene Anlagen zum Reinigen des Abwassers, sogar trinken könne man es danach. „Trotzdem bekommen wir in Shenzhen keine Lizenz mehr“, klagt der Manager. „Die Stadt will keine Fabriken mehr, sondern nur noch Büros.“ In etwa einem Jahr werde die Fabrik daher ins Landesinnere verlegt: „Dort fördern die lokalen Behörden die Ansiedlung von Fabriken. Und auch die Gehälter sind niedriger.“

Lange Arbeitszeiten, hoher Lohn, hohe Lebenskosten

In Shenzhen bekommt ein einfacher Arbeiter 5000 Renminbi pro Monat, das sind etwa 640 Euro. Fachkräfte oder Manager bekommen das Doppelte. Für China ist das verhältnismäßig viel. Allerdings sind in Shenzhen die Mieten sehr hoch: In einem baufälligen Haus kostet ein 15 Quadratmeter Zimmer mit Klo umgerechnet rund 150 Euro im Monat. Gearbeitet wird 10 Stunden täglich, sechs bis sieben Tage die Woche, erzählt uns Herr Li. Auch 12-Stunden Schichten seien derzeit noch normal, bestätigt uns der Chef der „Shenzhen Miangjian Mojie GmbH“, einer anderen Fabrik, die wir besuchen.

Produktion in einer Elektronikfabrik in Shenzhen, China
Alexandra Siebenhofer/help.ORF.at
„Mit Sorgfalt, Akribie und Fleiß für die Qualität und Langlebigkeit unserer Produkte“ steht auf dem Schild.

Hier werden die Plastikgehäuse hergestellt, in die die Elektronikteile später eingebaut werden. Die Firma fertigt zum Beispiel die Gehäuse für Taschenrechner, Wecker oder auch Drucker. Dafür werden zuerst sehr präzise Eisenformen erstellt. Im sogenannten Spritzgussverfahren werden sie mit flüssigem Plastik ausgefüllt. Nach dem Aushärten lösen Arbeiter die fertigen Formen heraus, bearbeiten sie nach Bedarf noch weiter und verpacken sie. Hier wird in 12-Stunden Schichten gearbeitet, mit Jahresende sollen es aber 8-Stunden Schichten sein. Das schreibe ein neues Gesetz vor, erzählt uns der Chef.

Produktion in einer Elektronikfabrik in Shenzhen, China
Alexandra Siebenhofer/help.ORF.at
Die Produktion der Eisenformen

Mit den Arbeitern über ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen ist wegen des großen Lärms kaum möglich. Außerdem befürchten wir, dass wir sie in eine schwierige Lage bringen könnten, wenn wir sie vor ihrem Chef einfach so auf ihre Arbeitszeiten und ihren Lohn ansprechen. Dazu müsste man mit unabhängigen Gewerkschaften sprechen, die in China aber nicht so leicht zu finden sind. In der Gruppe, mit der wir unterwegs sind, immerhin mögliche zukünftige Auftraggeber, sind die Arbeitsbedingungen jedenfalls nicht Thema.

Alexandra Siebenhofer, help.ORF.at

Hinweis

Die Reise nach China erfolgte im Rahmen eines Recherche-Stipendiums der Robert Bosch-Stiftung.

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