Trading-Apps verkaufen Glücksspiel als Geldanlage

„Jeder kann ein Börsenhändler werden. Schnell und einfach im Internet.“ So oder ähnlich werben Trading-Apps wie „24option.com“ oder „BDSwiss“ um neue Kunden. Die Zauberformel lautet: Termingeschäfte mit binären Optionen. Der Begriff soll wohl nahelegen, dass es hier um ein echtes Finanzprodukt geht. In Wirklichkeit steckt dahinter ein simples Glücksspielsystem.

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„Help“, das Ö1-Konsumentenmagazin, jeden Samstag um 11.40 Uhr in Radio Österreich 1

An der Börse handeln wie ein Profi: binäre Optionen versprechen schnelle Renditen, zumindest in der Werbung. Aus einhundert Euro könne man über 2000 Euro machen, und das in nur einer Stunde. Die Geldversprechungen scheinen auf fruchtbaren Boden zu fallen. Onlineplattformen, die damit an das Geld der Konsumentinnen und Konsumenten wollen, schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. „24 option.com“ zählt neben „BDSwiss“ zu den bekanntesten Anbietern binärer Optionen und setzt in der Vermarktung in erster Linie auf ein sportliches Image. Neben dem ehemaligen Tennisstar Boris Becker ist auch der Fußballverein Juventus Turin ein offizieller Werbepartner des Unternehmens. Dahinter könnte eine bewusste Strategie stecken, meint der Finanzexperte vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) Bernd Lausecker. Eine sportbegeisterte Klientel sei unter Umständen für Sportwetten zu begeistern und könnte daher möglicherweise auch für Finanzwetten zu gewinnen sein, so das Kalkül.

Kein realer Wert - lediglich ein Wettversprechen

Doch wie immer sie auch heißen mögen, ob BD Swiss, Banc de Binary oder 24option.com: binäre Optionen seien keine Finanzprodukte und haben mit echten Börsenoptionen nicht das Geringste zu tun, so Lausecker. Während an der Börse mit echten Wertpapieren gehandelt werde, habe man bei binären Optionen in Wahrheit gar nichts - außer einem Wettversprechen.

Tatsächlich gleichen die angeblichen Termingeschäfte mit binären Optionen eher einem Roulettespiel als einer echten Börsenspekulation. Statt Wertpapiere zu kaufen, setzt man Geld auf Aktienkurse und wettet, ob die Kurse steigen oder fallen. Sagt man die Entwicklung richtig voraus, gewinnt man zwischen 50 und 80 Prozent des Einsatzes. Liegt man falsch, ist das gesetzte Geld zur Gänze verspielt. Nun könnte man meinen, dass man mit ein wenig Marktbeobachtung den Kurs eines Wertpapiers recht zuverlässig vorhersagen kann. Frei nach dem Motto: Apple bringt ein neues Gerät auf den Markt – die Aktien werden steigen. In der Praxis funktioniere das aber nicht, so der VKI-Finanzexperte Lausecker, da die Kurswetten über viel zu kurze Zeitspannen abgeschlossen würden.

Schlechtere Chancen als beim Roulette

Bei binären Optionen wettet man auf eine Aktienkursentwicklung, während eines begrenzten und meist kurzen Zeitraums. Die Länge des Zeitraums werde vom Wettanbieter festgelegt, so Lausecker. Es gehe also darum, vorherzusagen, wie sich der Aktienkurs in einem Tag, in einer Stunde oder gar in nur einer Minute entwickelt. Viele Spieler würden bewusst auf kurze Zeitspannen setzen, da das den Nervenkitzel steigere. Nun sei es zwar grundsätzlich möglich, eine Kursentwicklung über einen längeren Zeitraum zu prognostizieren, auf kurze Sicht gesehen werde so eine Vorhersage aber zum reinen Glücksspiel. Während eines Handelstages sei ein Wertpapier meist starken Schwankungen ausgesetzt. Jede noch so kleine Neuigkeit an den Märkten könne innerhalb von Sekunden den Kurs nach unten drücken, und schon habe man als Spieler seinen Einsatz verloren. Selbst dann, wenn die Aktie sich schon nach kurzer Zeit wieder erhole und am Ende des Tages an Wert gewonnen habe.

Glücksspiel am PC - Würfel und Laptop
dpa/Axel Heimken
Die Gewinnchancen durch binäre Optionen sind niedriger, als beim Roulette.

Gewinne werden nicht automatisch ausgezahlt

Wird die Wette gewonnen, bedeutet das übrigens noch nicht zwangsläufig, dass der Gewinn an den Spieler ausgezahlt wird. Schon per Wikipedia-Definition zählen binäre Optionen zu den so genannten „Exotischen Optionen“. Exotische Optionen zeichnen sich laut Wikipedia durch „komplizierte Auszahlungsverfahren“ aus. Dies trifft auf binäre Optionen in jedem Fall zu. Die Betreiber haben in ihren AGB diverse Klauseln versteckt, um eine Gewinnauszahlung zu erschweren, zu verzögern oder gar zu verhindern. Etwa, dass die gewonnenen Beträge erst ab einer gewissen Höhe abgebucht werden können oder dass ein Gewinn öfter gesetzt werden muss, bevor er ausgezahlt werden kann.

Wer mal drin ist, kommt kaum noch heraus

Help-Hörer Helmut R. hat bei 24-option.com aus Neugier einmal 250 Euro gesetzt und verloren. Er musste die Erfahrung machen, dass man in das Börsenglücksspiel zwar leicht einsteigen kann, aber nicht mehr ganz so leicht heraus kommt. Bemerkt habe er das, als er sein Konto wieder löschen wollte, so Helmut R gegenüber help.ORF.at. Während der Kontakt mit dem Kundenbetreuer während des Einrichtens des Kontos einwandfrei geklappt habe, sei das Unternehmen plötzlich verstummt, als Herr R. sein Konto wieder löschen wollte. Vier Monate lang habe er vergeblich versucht, mit dem Unternehmen Kontakt aufzunehmen.

Erst nach Intervention durch Help hat sich das Unternehmen gemeldet und mittlerweile zugestimmt, das Nutzerkonto von Herrn R zu löschen. Man könne aber nicht alle Daten löschen, erklärt option24.com. Aus gesetzlichen wie aus geschäftlichen Gründen. Finanzexperte Lausecker meint, dass Kundenkonten grundsätzlich nur ungern gelöscht würden. Entweder, um weiterhin Werbung senden zu können oder um eine Datenbank aufzubauen, die Personen enthält, die für Glücksspiel anfällig seien.

You Tube als Verbündeter

Die verschiedenen Anbieter haben im Internet eine beeindruckende Kulisse aufgebaut, um ihr Produkt seriös erscheinen zu lassen. In zahlreichen You-Tube-Videos berichten Menschen von ihren positiven Erfahrungen und ihren Erfolgen als Börsenprofi. Neben diesen Erfahrungsberichten werden komplette Online-Lehrgänge angeboten, die vermitteln sollen, dass man hier eine tatsächliche Ausbildung zum Stock-Broker erhält. Wer auf binäre Optionen wettet, sei eben kein Spieler, sondern ein echter Börsenhändler, der sich mit den ganz Großen der Finanzwelt um die lukrativen Renditen prügelt.

Bernd Lausecker vermutet, dass es sich bei all diesen Videos letzten Endes um bezahlte Werbung handelt. Der Experte möchte zwar nicht ausschließen, dass es Menschen gibt, die mit binären Optionen tatsächlich auch Geld verdient haben, schließlich könne man auch im Casino Geld gewinnen. Er selbst habe im wahren Leben allerdings noch niemanden getroffen, der mit dem Börsenwettspiel positive Erfahrungen gemacht habe. Bernd Lausecker empfiehlt daher, von binären Optionen generell die Finger zu lassen.

Paul Urban Blaha, help.ORF.at